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Umbau
Maschinenhalle
Viele industrielle Monumente verfielen nach ihrer Stillegung in einem
rasendem Tempo. Mit seiner "Entdeckung" durch engagierte Künstler
bekam die Maschinenhalle eine neue Sinngebung. Die ersten Ausstellungsprojekte
spielten mit der kaputten Situation und fanden in dem zur Seite geräumten
Schutt statt. Erhaltungsarbeiten am Förderturm und der Maschinenhalle
durch die Stiftung
Naturschutz-Heimat und Kulturpflege ermöglichten eine weitere
Nutzung der Objekte.
Im
laufe der Zeit sind durch viele Eigenleistungen, elementare Einbauten
in der Halle entstanden, dir dazu beitragen die Halle für freie Kunstveranstaltungen
und kleinere Festivals zu nutzen.
Beiträge:
Katalog "Betreten Verboten":
Ort des Geschehens
Die ehemalige Maschinenhalle der nicht mehr-existierenden
Zeche in Herne-Börnig. Zusammenmit dem dazugehörigen Förderturm,
in dieser Stadt das letzte übriggebliebene Stück einer Art von
Architektur, die nicht nur das Gesicht Hernes, sondern des gesamten Ruhrgebietes
nachhaltig geprägt hat. Ist dieser Ort schon von sichaus auf Grund
seiner Geschichte und einstigen Funktion wenig dazu geeignet, an kulturelle
Aktivitäten, gar an Kunst denken zu lassen, so wares der Zustand,
in dem er sich bis zur Realisierung des Ausstellungsprojektes befand und
teilweise noch heute befindet, erst recht nicht. Eine Industrieruine in
einem Gelände, das keinerlei Auskunft mehr gibt über das, was
es einmal war, da sämtliche anderen Zechengebäudein den vergangenen
Jahren abgerissen worden sind, im wahrsten Sinne des Wortes dem Erdboden
gleichgemacht. Ein Schicksal, das ohne Zweifel auch der Maschinenhallen
und dem Förderturm drohte und nur dadurch verhindert wurde, daß
beides schnell unter Denkmalschutz gestellt wurde.
Der alte Sinn-Zusammenhang war zerstört, ein neuer dadurch noch lange
nicht geschaffen. Immer mehr entfernte sich das, was einmal Mittelpunkt
der Bergmannssiedlung Teutoburgia war, aus deren Mitte. Ideell durch die
zwangsweise Umorientierung ihrer Bewohner zu anderen Arbeitsplätzen, aber
viel sinnfälliger durch das "Verschwinden" der meisten Zechengebäude durch
Abriß und das langsame Überwuchern der so entstandenen Industriebrache
mit Wildwuchs, dem sogenannten "Krisengrün" Die Natur hatte genug Zeit,
um auch Maschinenhalle und Förderturm in Gestalt eines kleinen Laubwaldes
zu umwachsen, eine optische Barriere zu den Men- schen zu schaffen, die
ehemals in der Halle gearbeitet hatten, sie den Blicken und dem Bewußtsein
zu entziehen und so in Besitz zu nehmen. Aus dem Herzstück der Anlage
war ein unbelebtes Ding geworden, mehr noch, es schien für eine gewisse
Zeit gar nicht mehr in erster Linie materiell existent, sondern vielmehr
als Erinnerung.
Das Verhältnis dieser Region zu solchen Relikten ihrer Vergangenheit war
und ist zwiespältig. In einer hoffnungsvoll-ängstlich als "Struktur- wandel
des Reviers" benannten Situation lassen sich im Umgang mit derartigen
vergessenen Industriedenkmälern auch unterschiedliche Arten des Umgangs
mit Geschichte ablesen. Drei meis einander ablösende, aber auch parallel
existierende typische Verhaltensweisen sollen hier skizziert werden:
- Da ist meistens zuerst die grundweg negative ablehnende Einstellung
zu einer ihrer ursprünglichen Funktion beraubten, "toten" Industrie-architektur:
Tabuisierung dessen, was zurnindest für die Betroffenen weithin sichtbarer
Zeuge von Krise und vielleicht Verlust des Arbeitsplatzes ist außerdem
nicht den gängigen, in der Regel an Herrschaftsarchitektur orientierten
ästhetischen Normen - höchstens hinsichtlich ihrer Größe -entspricht,
also landläufig als häßlich und damit ab doch einige Beispiele, die auf
den ersten Blick gewisse Ähnlichkeiten mit Christof Schlägers Projekt
aufzuwiesen schienen. Was jedoch dieses von den anderen unterscheidet
ist die Direktheit des Unternehmens und ihre Unabhängigkeit von Institutionen.
Weder handelt es sich um eine langfristig geplante und auf Kontinuität
zielende kommunale Kulturförderung wie etwas das Überlassen von Räumen
als Künstersateliers, noch um den Umbau von Fabrikenarchitektur in ein
schniekes, vorzeigbares Kulturzentrum, dem seiner einstigen Identität
mit Hilfe moderner Innenarchitektur der Geraus gemacht worden ist, noch
um ein wie auch immer verwaltetes Jugendzentrum, noch gar um einem rein
kommerziellen Kulturbetrieb. Im Gegenteil, verdient hat an dem Projekt
von den Beteiligten keiner auch nur einen einizigen Pfenning. Alle haben
finanziell draufgezahlt, und das trotz der dankenswerterweise schließlich
doch noch fließenden öffentlichen und privaten Unterstützung. Die Realisering
der Idee von selbstbestimmten Arbeiten und Ausstellen unter Bedingungen,
die nur sie sich selbst und der Raum ihnen setzte, war für die an diesem
Experiment beteilligten Künstler immerhin so reizvoll, daß sie unte Versicht
auf Honorar, mit großem persönlichen Einsatz und Energieaufwand erst einmal
daran gingen, das Chaos, in dem sie die Halle vorfanden, gemeinsam etwas
zu ordnen. Sie mussten feststellen, daß sie nicht die ersten waren, die
dem Ort etwas aggewinnen konnten. Zuerst hatten Schrotthändler die Halle
geplündert. Es fanden sich aber auch Matratzenlager, Feuerstellen, herausgerissene
Geländer, als Lianen benutzte Kranketten, zerschlagene Wandfliesen, Spuren
also, die auf eine Benutzung ganz anderer Art verwiesen. Der Dornröschenschlaf
war also nur die Oberfläche gewesen, unter der sich gewissermaßen das
geheime "Untergrund"-Leben der Halle entwickelt hatte. Kinder und Jugendliche
aus der Umgebung hatten die Halle, zu der sie selbst keine historische
Beziehung hatten, als Ersatz für fehlende Höhlen und ähnliche Orte, die
noch Geheimnisse bergen könnten, für sich nutzbar gemacht. Für sie war
die Halle nicht nur ein Ort voller möglicher Abenteuer, sondern vor allem
ein Freiraum, exterritoriales Gebiet außerhalb der Welt der Erwachsenen
mit ihren Verboten, Regeln und Normen. Das Auftauchen der Künstler, die
nun Veränderungen wieder anderer Art vornahmen, musste den Kindern wie
ein Einbruch in ihre Welt erschienen, bevor sich die neue Situation auch
für sie zu einem spannenden Prozess entwickelte, an dem sie mehr und stärkeren
Anteil nahmen als irgendjemand sonst. Auch sie begannen die Halle mit
anderen, neuen Augen zu sehen.
Jetzt arbeiteten dort wieder Menschen, allerdings in andere Weise als
früher. Zwei Wochen dauerte das gemeinsame Aufräumen an, das Umlagern
von Schutt, das Schaffen von neuen Plätzen und Räumen im Chaos. Die Halle
musste zunächst einmal gesichert werden. Öffnungen im Boden wurden mit
Gittern abgedeckt, Geländer geschweißt, nach einem Einbruch eine Stahltür
eingesetzt und einzementiert, die Fenster bis obenhin mit Gittermatten
abgedeckt, um künftige Zerstörungen zu verhinderen. Die Künstlerische
Arbeit der Beteiligten begann nicht erst nach der Aufräumaktion, sondern
bereits währenddessen, indem jeder seinen Ort, an, für und mit dem er
arbeiten wollte, fand. Die Einigung darüber erfolgte problemlos. Nichts
Vorgefertigtes wurde aus dem Atelier mitgebracht. Alles wurde für und
teilweise auch in der Halle geschaffen. Einige verwendeten zufällig dort
gefundenes Material, andere suchten im Schutt nach ganz bestimmten Überresten
der Vergangenheit, um sie in ihrer Arbeit zu verwerten. Zwar setzte sich
jeder auf seine individuele Art und Weise mit der Halle auseinander, trotzdem
ergaben sich Beziehungen anderer künstlerischer Formulierungen ausnahmen.
Insgesamt entstand ein vielfältiges Spektrum künstlerischer Möglichkeiten
der Annäherung an einen ungewöhnlichen Ort.
Das Experiment hat verschiedenes
deutlich werden lassen: Die unerwartet große Anteilnahme und Unterstützung
besonders durch die Bewohner der Siedlung Teutoburgia zeigt, daß es im
Grunde keine kunstfernen Orte gibt, dass es gerade durch Kulturarbeit
an Orten wie diesem immer wieder zu überraschenden und fruchtbaren Begegnungen
zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Lebensauffassung kommt.
Durch ihren immensen Aufwand an Zeit, Arbeit und Geld haben die beteiligten
Künstler unter Beweis gestellt, dass es einen großen Bedarf gibt an solchen
rohen Räumen, in denen selbstbestimmtes Arbeiten möglich ist. Wie es mit
der Halle weitergeht, ist genauso offen wie die Frage, wie es mit der
Kunst in dieser Region weitergeht. Aber nicht zuletzt könnt, oder besser
sollte, dieses gelungene Experiment Anstoß für andere sein, selbst auch
Initiative zu ergreifen, um ihre Träume der Wirklichkeit ein stück näher
zu bringen.
-Barbel Messing
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